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Wie viele große Leistungen im Leben begann der Internationale
Verband der Lyceum-Clubs mit einem Traum – dem Traum einer jungen
Frau und einer kleinen Gruppe Freundinnen, die zu Beginn des 20.
Jahrhunderts in London lebten. Die junge Frau war Constance Smedley,
und sie und ihre Freundinnen Christina Gowans Whyte, Elsa Hahn,
Violet Alcock und die Amerikanerin Jessie Trimble waren Mitglieder
des Writers Club.
1902 begannen Frauen, langsam die männlich geprägte Berufswelt zu
erobern, und es ist durchaus anzunehmen, dass Constance und ihre
Gruppe die Herrenwelt beobachteten, die es sich in den Londoner
Clubs bequem machte, und sich fragten: “Warum nicht auch Frauen?”
In Gesprächen untereinander begann die Gruppe, sich “einen
idealen Club [für Frauen]” vorzustellen, “mit Zweigstellen in allen
Ländern der Welt und [einer] Kette von Clubhäusern” in den
wichtigsten Hauptstädten weltweit. Im Wesentlichen hatten sie damit
die gegenwärtige Welt der Lyceum-Clubs vorhergesehen.
Constance wurde von ihren “wichtigsten Co-Adjutantinnen”, wie sie
ihre Freundinnen gerne bezeichnete, dazu auserwählt, mit dieser Idee
an das Komitee des Writers Club heranzutreten. In ihrer
Autobiographie Crusaders (Duckworth, London 1929) erzählt sie, wie
das Komitee des Writers Club fragte, wer dies organisieren würde.
Voll jugendlichen Selbstvertrauens und vielleicht mit einem
Anflug von Tapferkeit sagte sie: “Ich.” Sehr zu ihrem “Erstaunen und
ihrer Schande” lehnte das Komitee ihren Vorschlag ab.
Doch diese Abfuhr schreckte Constance nicht ab, sondern
motivierte sie noch mehr. Die Gruppe traf den Beschluss, “einen
neuen Club zu gründen”, und obwohl die Gruppe nicht über Geld
verfügte, war sie fest entschlossen, ihren Traum weiterzuverfolgen.
Die Frauen entschieden, vorerst ein vorläufiges Komitee zu bilden.
Da der geplante Club damals nur “Schriftstellerinnen und
Illustratorinnen” offen stehen sollte, schrieb Constance die ersten
Briefe – insgesamt sechzig – an herausragende Frauen auf diesem
Gebiet. Nur zwei boten ihre Unterstützung an.
Durch das mangelnde Interesse noch immer nicht entmutigt, schrieb
sie diejenigen erneut an, die mit Bedauern eine abschlägige Antwort
erteilt hatten, sowie andere Frauen, die, wie sie hoffte, Interesse
zeigen könnten. Langsam nahm ein vorläufiges Komitee Gestalt an.
In dieser Phase erkannten die Frauen, dass es für einen Club auch
ein Clubhaus für die Treffen geben musste. Constance und ihre
Freundinnen wandten sich an Constances Vater, W. T. Smedley. Als
erfolgreicher Geschäftsmann hatte er Erfahrung mit der Finanzierung
und dem Kauf von Grundbesitz und war zudem mit modernen Ansichten
gesegnet. Herr Smedley war der Überzeugung, dass Frauen Recht auf
“ein Berufsleben und Freiheit zur Entwicklung” hatten, und er
versprach, bei der Suche nach einem geeigneten Gebäude behilflich zu
sein. Doch wie bei allen guten Märchen – und die Gründung des ersten
Lyceum-Clubs wies in gewisser Weise einige Aspekte eines solchen
Märchens auf – gab es eine Bedingung.
Zuerst musste das vorläufige Komitee eintausend Mitglieder finden,
die alle einen Jahresbeitrag von einer Guinee (oder einundzwanzig
englischen Schillingen) zahlen würden. Selbst diese Aussicht konnte
Constance nicht von ihrem Ziel abhalten. In ihrer Autobiographie
schreibt sie: “Das Merkwürdige an der Gründung des Lyceum-Clubs war,
dass es mir trotz all der Entmutigungen zu Beginn nie in den Sinn
kam, auch nur einen Augenblick den Glauben an die Idee zu verlieren.”
Also schrieb sie mehr Briefe und führte weitere Gespräche.
Der Name “Lyceum” wurde von der Amerikanerin Jessie Trimble für
den neuen Club vorgeschlagen. In den Vereinigten Staaten
repräsentierte der Name ein Zentrum für Vorlesungen und Diskussionen,
während der Begriff in Europa, wo er vor etlichen Jahrhunderten in
Athen seinen Ursprung gefunden hatte, gleichermaßen verständlich
war.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gruppe entschieden, dass die
Mitgliedschaft nicht nur Schriftstellerinnen und Künstlerinnen offen
sein sollte. Die Schwester von Constance Smedley schlug vor, Frauen
mit akademischer Qualifikation und auch eine dritte Gruppe
aufzunehmen: “die Ehefrauen und Töchter distinguierter Herren.”
S chließlich entschied die Gruppe, dass es notwendig sein würde,
eine bekannte, überall respektierte Frau zur Leiterin des neuen
Lyceum-Clubs zu machen. Ein Gruppenmitglied schlug Lady Frances
Balfour vor, die Tochter des Herzogs und der Herzogin von Argyll und
Schwägerin des britischen Premierministers Arthur Balfour. Lady
Frances, eine hervorragende Rednerin, widmete sich Frauenfragen, und
obwohl sie oft bei öffentlichen Suffragetten-Treffen sprach, lehnte
sie gewaltsame Proteste ab. Obwohl sie beschlossen hatte, die
Einladung zur Leitung des vorläufigen Komitees abzulehnen, erklärte
sich Lady Frances zu einem Treffen mit Constance bereit. Als sie
sich die Pläne für den neuen Lyceum-Club anhörte, änderte sich ihre
Einstellung, und sie beschloss, die Einladung, die erste Vorsitzende
des vorläufigen Komitees zu werden, anzunehmen. Fünfzehn Jahre lang
nahm sie die Aufgaben der leitenden Vorsitzenden und Präsidentin des
Clubs wahr. Mit Lady Frances hatte man eine hervorragende Wahl
getroffen.
Bald stellte sich heraus, dass man 1000 Mitglieder für den neuen
Londoner Lyceum-Club gefunden hatte. Die ersten Wahlscheine wurden
im März 1903 ausgestellt, und das neue Clubhaus wurde ein Jahr
später in Piccadilly bezogen.


Die Anfänge der Deutschen Lyceum-Clubs
Christa Glahn, Föderationspräsidentin der Internationalen
Lyceum-Clubs in Deutschland
Aus Anlass des 100. Geburtstages des Internationalen Lyceum Clubs
Hamburg in diesem Jahr sowie der Gründung des Internationalen
Lyceum-Clubs Berlin im Jahr 1905, möchte ich im folgenden einen
kurzen Abriss über die Anfänge der Lyceum-Clubs in Deutschland
geben.
Im späten 19. Und frühen 20. Jahrhundert erlebt die
Friedensbewegung in Europa eine Renaissance. Sie wendet sich
zunehmend fortschrittlichen Ideen wie dem Sozialismus und dem
Feminismus zu und organisiert internationale Friedenskongresse als
Antwort auf die zunehmenden europäischen Feindseligkeiten. Die
Bereitschaft der Frauen, sich selbst zu einem besseren
Selbstverständnis und zu geistiger Freiheit zu verhelfen, nimmt
konkrete Formen an.
Die Geschichte der Deutschen Lyceum-Clubs beginnt am Anfang des
zwanzigsten Jahrhunderts in London, wo Constance Smedley im Juni des
Jahres 1904 den Internationalen Lyceum-Club ins Leben ruft. Und
schon ein Jahr später, im November 1905, reist sie zur
Gründungsversammlung des Lyceum-Clubs nach Berlin.
Und obwohl in den europäischen Großstädten bereits Clubs
existieren, zu denen ausschließlich Frauen Zugang haben, besteht der
Bedarf nach einer besonderen Art von Clubs. Die Besonderheit dieser
neuen Clubs ist die Idee von Constance Smedley, „Zentren
intellektuellen und künstlerischen Lebens zu errichten und so den
geistigen Austausch zwischen kultivierten Frauen aller Nationen zu
fördern.“
Den Anstoß zur Gründung des ersten Lyceum-Clubs in Deutschland
gibt ein großer internationaler Frauenkongress, der im Jahr 1904 in
Berlin veranstaltet wird. Mit Unterstützung der deutschen Kaiserin
sollen alle relevanten nationalen und internationalen Frauenverbände
vereinigt und zu einem gegenseitigen Austausch angeregt werden.
Die in Berlin erscheinende Tageszeitung „Berliner Tagblatt“
schreibt 1904, anlässlich der Vorbereitungen für die Gründung des
Berliner Lyceum-Clubs: „Wenn es den Gründerinnen gelingt, ihre
Organisation aus allen ideologischen Strömungen und Klassenkämpfen
herauszuhalten, könnte diese Bewegung zu einer internationalen
intellektuellen Macht werden.“
In Hamburg wird der „Frauenclub Hamburg“ im Dezember 1906
gegründet. Das ist die Geburtsstunde des Frauenclubs, der sich heute
mit Stolz „Internationaler Lyceum Club Hamburg“ nennt. In der
Satzung von 1906 ist festgeschrieben, dass der Club den Zweck
verfolgt, die geistigen, sozialen und materiellen Interessen seiner
Mitglieder zu fördern. Ohne sich direkt an dem Lyceum-Club in London
zu orientieren, ist der Hamburger Club so weit von den Idealen
Constance Smedleys zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht entfernt.
Erwähnenswert ist noch, was diese Satzung unter §7. aufführt: „In
die Erfrischungsräume können Gäste der Klubmitglieder (auch Herren)
kostenlos eingeführt werden.“ An dieser Stelle hat der Frauenklub
Hamburg dem Lyceum-Club in London wohl einiges voraus.
Im Jahr 1986 erlebt der Hamburger Club einen seiner Höhepunkte.
Unter dem Thema: „Neue Perspektiven für die Frauen am Ende des 20.
Jahrhunderts“ richtet er den Internationalen Kongress der weltweiten
Lyceum-Clubs in der Hansestadt aus. Unter der Schirmherrschaft von
Frau Marianne von Weizsäcker, der Gattin des damaligen
Bundespräsidenten, nehmen Teilnehmerinnen aus dreizehn Ländern an
der Veranstaltung in Hamburg teil. Sie sind begeistert von den
gelungenen Veranstaltungen und dem anspruchsvollen Kulturprogramm.
So wie in Hamburg, werden auch in anderen deutschen Städten
Frauenklubs gegründet, die anfänglich nicht in direktem Zusammenhang
mit den Lyceum-Clubs stehen. Schon im Jahr 1902 entsteht der „Kölner
Frauenclub“ und 1904 wird in Stuttgart der „Deutsche Frauenclub“
gegründet, der Musikabende, Vorträge und Bazare für seine Mitglieder
veranstaltet.
Zwischen 1911 und 1949 kommen die Frauenclubs in Aachen, München,
Karlsruhe und Konstanz dazu. Auch sie widmen sich der Förderung von
Frauen in den Bereichen Bildung, Kunst und Wissenschaft. Zuletzt
wird im Jahr 1996 der Club „Rhein-Main“ Mitglied in der Föderation
der Deutschen Lyceum-Clubs.
Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland und zu Beginn
der entbehrungsreichen Jahre der Nachkriegszeit gelingt es starken
Frauen, die Clubs unter größten Schwierigkeiten wieder neu entstehen
zu lassen. Diesen tatkräftigen Persönlichkeiten gilt unser
besonderer Dank, denn sie haben es verstanden, das internationale
Vertrauen in die deutschen Frauenclubs wieder herzustellen.
Im Jahr 1956 wird der Verband der Deutschen Lyceum-Clubs auf dem
Weltkongress in Bern offiziell wieder in die Internationale
Vereinigung der Lyceum-Clubs aufgenommen. Zur ersten Präsidentin des
Deutschen Verbandes wird die Präsidentin des Hamburger Clubs, Frau
Gertrud Behrens gewählt.
Auch wenn die Schatten der beiden Weltkriege auf den Anfängen der
Deutschen Lyceum- Clubs liegen, so sind sie heute wieder ein
geachteter Teil der internationalen Gemeinschaft der Lyceum-Clubs.
Wenn ich noch einmal auf die bereits zitierte Aussage von 1904
des „Berliner Tagblatt“ zurückkomme, so kann ich feststellen, dass
sich die Internationale Vereinigung der Lyceum- Clubs heute, wenn
auch nicht zu einer Macht, so doch zu einer viel beachteten
internationalen intellektuellen Bewegung entwickelt hat.
Ihr anzugehören erfüllt uns mit Dankbarkeit und Stolz.
Fortsetzung folgt:
Weitere Themen:
Holland
Der Pariser Lyceum-Cub
Florenz
Unser Abzeichen
Hinweis: Dieser geschichtliche Abriss basiert auf Material aus
folgendem Buch: Constance Smedley, Crusaders: The Reminiscences
of Constance Smedley (Mrs Maxwell Armfield) (Duckworth, London
1929).
Internationaler Kongress 2004
Hauptvortrag von Dr Grace Brockington.
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